
Hand aufs Herz: Wie viel Wicca steckt eigentlich in deiner Hexenkunst?
Ich beobachte das schon eine ganze Weile: In der Szene scheint es geradezu schick zu sein, sich von Wicca zu distanzieren. Überall lese ich in Foren und Kommentaren: „Ich bin kein Wicca, das ist mir zu oberflächlich.“ Neulich habe ich in einer Schamanengruppe sogar gelesen, dass der heutige achtfache Jahreskreis direkt aus dem „Ursprung der Menschheit“ entstanden sei.
Ehrlich gesagt: Das stört mich. Viele Hexen und Schamanen grenzen sich vehement gegen Wicca ab, nutzen aber im stillen Kämmerlein exakt jene Strukturen, die Wicca erst groß gemacht haben.
Der finale Anstoß für diesen Artikel war ein YouTube Video von „Witch N The Working“ (But I'm Not Wiccan!!!). Die Parallelen zu meiner eigenen Wahrnehmung waren so frappierend, dass ich einige Gedanken daraus hier aufgreifen möchte.
Schau dir dein Fundament an
Es lohnt sich, die eigene Praxis mal ohne das Namensschild zu betrachten. Wenn du dich in den folgenden Punkten wiederfindest, nutzt du ein spirituelles „Betriebssystem“, dessen Wurzeln im modernen Wicca liegen:
Du feierst die 8 Jahreskreisfeste.
Du arbeitest mit der Dualität von Gott und Göttin oder dem Prinzip der Polarität.
Dein Ritual beginnt damit, einen Kreis zu ziehen und die Himmelsrichtungen anzurufen.
Du nutzt die klassischen vier Elemente als rituellen Rahmen.
Diese Strukturen sind nicht einfach organisch aus dem Boden gewachsen oder von einem Wikingerschiff gefallen. Sie wurden im 20. Jahrhundert durch Gerald B. Gardner kodifiziert und populär gemacht.
Ein Blick in die Geschichte
Gardner und Nichols
Die heutige Struktur des Jahreskreises entstand aus der Zusammenarbeit zweier führender Köpfe der damals jungen Neopaganismus-Bewegung in England:
Gerald Gardner: Der Begründer des Wicca nutzte ursprünglich vier Feste (die „Großen Sabbate“), basierend auf gälischen Hirtenfesten: Samhain, Imbolc, Beltane und Lughnasadh.
Ross Nichols: Der Gründer des modernen Druidenordens (OBOD) war der Meinung, dass man auch die Sonnenwenden und Tag-und-Nacht-Gleichen (die „Kleinen Sabbate“) feiern sollte, um den Zyklus zu vervollständigen.
In den 1950er Jahren einigten sie sich darauf, beide Ansätze zu kombinieren. So entstand das Rad mit acht Speichen, wie wir es heute ganz selbstverständlich nutzen.
Warum die Abwehrhaltung?
Warum sträuben sich heute so viele dagegen? Ich glaube, es liegt an dem Bild, das in den letzten Jahrzehnten von Wicca gezeichnet wurde. Es gab eine Phase, in der Wicca in Büchern extrem „weichgespült“ wurde, um massentauglich zu sein. Das hat dazu geführt, dass viele heute denken, Wicca sei nur „Hexentum mit Stützrädern“ oder etwas für „Fluff Bunnies“.
Aber das ist ein Trugschluss. Das ursprüngliche Wicca ist eine ernsthafte Mysterienreligion. Nur weil manche das System heute oberflächlich nutzen, verliert das Fundament darunter nicht an Tiefe.
Respekt vor dem Ursprung
Man braucht keine Initiation, um magisch zu arbeiten. Aber es braucht Aufrichtigkeit – sich selbst und der Geschichte gegenüber. In der Magie ist das essenziell.
Es wirkt widersprüchlich, sich radikal von Wicca zu distanzieren, während man deren Kernelemente – vom Jahreskreis bis zum rituellen Aufbau – als gottgegeben voraussetzt. Wer Magie praktiziert, sollte den Mut haben, seine Werkzeuge historisch einzuordnen.
Sich mit dem „Woher“ auseinanderzusetzen, ist kein trockener Theorieunterricht. Es ist ein Zeichen von Reife und Respekt. Wahre Tiefe entsteht erst dann, wenn wir verstehen, warum wir einen Kreis ziehen oder warum wir genau diese acht Feste feiern.
Als Hohepriesterpaar haben wir in unserer Praxis gelernt: Wer seine Wurzeln kennt und versteht, verleiht seinen eigenen Zweigen erst die nötige Stabilität und Authentizität.